Mai 14, 2008

Geschichte und Medien

Ich soll ein Konzept entwickeln wie man eine Veranstaltung aufziehen könnte, die sich mit Geschichte und Medien in einem kleinen Rahmen (Übung, Workshop oder Abendvortrag) beschäftigt.
Ich bin schon beim Thema am verzweifeln. Da ich an einem Institut für Landesgeschichte engagiert bin, wird es auf jeden Fall einen regionalgeschichtlichen Zugriff geben und natürlich soll das ganze sich auf das Internet konzentrieren, digitale Geschichte sozusagen.

Ich habe zwei Ideen vorgegeben (aber vielleicht gibt es ja noch mehr?). Die eine konzentriert sich darauf die Betreiber eines Geschichtsportals, als Vertreter alternativer Arbeitsmöglichkeiten für Historiker (besser gesagt als Beispiel, wie man in der neuen Medienlandschaft als Historiker einbringen kann) zu einem Vortrag einzuladen. Ich denke das stößt sogar auf relativ großes Interesse bei den Studierenden, da es ja auch unter ihnen zahlreiche “ich will was  mit Medien machende” gibt. Ist aber glaub ich schwierig das irgendwie noch partizipatorischer zu transportieren, also in Form eines Workshops (und ich will es auch nicht zu Werbeveranstaltung dieser Plattform verkommen lassen).

Ein anderer Zugriff, wäre eben der wirklich digital history mäßige. Man könnte das auch gut in einem Workshop umsetzen. Nachdem erst einmal das Portal und seine Unterseiten analysiert und beschrieben wurden (womit auch der methodisch-didaktische Teil bedient wäre) werden in einem zweiten Teil dann Fragen nach dem Geschichtsbild, der Geschichte, den Teilnehmern und Autoren etc. gestellt. Hiernach kann man dann ausloten welchen Einfluss gerade das Medium auf die Präsentation und Kreation der Geschichte hat ….

Aber da kommt niemand

Idee was es noch geben könnte?

Mai 10, 2008

e crit

Mal wieder ein neues Buch zur Hand genommen und in der Einleitung schon spricht Marcel O’Gorman mir aus der Seele, in dem er genau das an der universitären Praxis anspricht, was sich zu lange kaum oder gar nicht verändert hat.

This alchemical transformation id not result in the creation of new, experimental schorlarly methods that mobilize deconstruction via technology, but in an academic fever for digital archiving and accelerated hermeneutics, both of which replicate, and render more efficiet, traditional scholarly practices that belong to the print apparatus.

Genau diese Trägheit in der Erforschung der neuen Möglichkeiten, dieser Unwillen gegenüber allem was mit Hypertext, Digital Studies oder so Computerkram zu tun hat, komprimiert sich hier. Das einzige was Academia bisher hervorgebracht hat sind massenhafte Archivierung und Verdatenbankung von Informationsbeständen (was ich sehr zu schätzen weiß). Aber wo sind die neuen Methoden, die neue Repräsentation von Ergebnissen? Es bedeutet eben mehr elektronische Umgebung” zu transportieren wenn dieses neue Medium wirklich benutzt als ” alte Gewohnheiten der gelehrten Welt in eine neue multilineare  werden soll.

Hierin sehe ich eben auch den besonderen Unterschied zur medialen Revolution der Druckerpresse. Das Verhältnis von Autor, Text und Leser hat sich im Schritt von Handschrift zu Druck fast gar nicht bewegt, höchstens, dass eine größere Leserschaft hinzu getreten wäre und mehr geschrieben werden konnte. Selbst heute, nach den “Errungenschaften” des sozialen Internets, hat sich hauptsächlich die Lebigkeit des Texts in seiner Ursprungsform verändert, haben sich die Möglichkeiten des Lesers um Anteilnahme (abgesehen von Wikis) auch nur minimal erweitert. Der meiste Text den wir täglich konsumieren steht immer noch im klassischen Dreier-Verhältnis von Autor, Text und Leser, egal wie sehr die Kommentarfunktion, etc gepriesen werden. Aber das Potential diese Struktur zu überwinden ist da, nur muss hierzu das Denken 500 Jahre “Print apparatus” langsam überwunden werden.

O’Gorman, Marcel, e-crit, digital media, critical theory and the humanities, Toronto 2006.

April 24, 2008

Datenbankgedächtnis

Lese gerade einen Artikel von Geoffrey C. Bowker (Hier), der den Fragen des Gedächtnis und des Bewusstseins von Vergangenheit im digitalen Zeitalter nachgeht.

we are faced with myriad claims about how the present is different and how the future will be reconfigured. I however, we rareley think about how our relationship with the past changes with such new technology S.22

Bemerkenswert fand ich zum  Beispiel, das sehr aktive Nachleben von verstorbenen Personen im Internet. Homepage, online Andacht,  Blogs, die kommentiert werden. Und die Verformung der Wissenssammlung und Verarbeitung in den letzten 200 Jahren. DIe Abkehr vom narrativen sequentiellen Konstrukt zu einer  Databank entsprechend “ungeordnetem” Wissen, dass je nach Bedarf abgerufen und bearbeitet werden kann. Hinzu kommt hier natürlich, dass diese Informationen sich auf alles erstrecken, er verweist hier besonders auf den zählbaren Menschen.

Nun aber zum eigentlichen, worauf, ich weiß noch nicht warum, mich die Lektüre des Artikels gebracht hat. Hat schon einmal jemand versucht Guy Debord oder besser gesagt die Stadterfahrung und besonders die Begehungstaktiken und den Umgang mit öffentlichen Raum … der Situationisten mit der Praxis, wie das Internet benutzt und erlebt wird, zusammenzubringen. Und natürlich hier besonders im Zusammenhang mit der Erarbeitung und Präsentation und Aufnahme von historischen Information im Netz.

Ich werde mich wohl mal mehr in Debord hineinlesen müssen.

 

Bowker, Geoffrey (2007): The Past and the Internet. In: Karaganis, Joe; Social Science Research Council (Hg.): Structures of Participation in Digital Culture. New York: Social Science Research Council, S. 20–36.

 

April 21, 2008

Aus der Geschichte lernen?

Tony Judt, dem ich ironischerweise zum erstenmal bewusst auf einem Vortrag von Henryk Broder (Ich schrieb an anderer Stelle hierüber) begegnet bin, hat sich die Frage nach den Lehren des 20. Jahrhundert gestellt. Broder stattete mich dann sogleich auch mit den nötigen Vorurteilen über diesen Autoren, die relativ schnell verflogen waren nach der Lektüre von Israel - The Alternative. An gleicher Stelle (NY Review of Books) veröffentlichte er nun sein kurzes Essay "What have We learned, if Anything?" und versucht hierin dem derzeitigen Geschichtsbewusstsein und der Geschichtsvergessenheit seiner Landsleute auf die Spur zu kommen.

Trotz seiner steten Kritik an der Dämonisierung des "Anderen" kann er nicht anders als durchgehend das Wir des adhortativen Erziehungspamphlet anzustimmen. Aus dieser Perspektive stammt dann auch sein Geschichtsverständnis zu stammen. Ganz im Sinne der Schillerschen Frage zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte, hängt er der These einer Historia magistra vitae nach, die uns aus der Geschichte lernen helfen soll und vergisst hier nebenbei 2 Jahrhunderte Geschichte der Geschichtswissenschaft.

Nun nicht ganz vergessen. Er sieht das derzeitige Geschichsbewusstsein darauf fixiert die Leiden und Opfer des 20. Jahrhunderts (im Verbund mit dem amerikanischen Heroismus) herauszustellen mit dem Impetus, dass nun alles besser werde. Er charakterisiert den Kult der Opfer ganz ähnlich einer Zivilreligion, wie es auch Yoav Sapir in seinem Blog schon getan hat.

"To be sure, we have memorialized it everywhere: shrines, inscriptions, "heritage sites", even historical theme parks are all public reminders of the "the Past" (What have we Learned, Judt 2008)

1. Kultstätten bzw. Heiligtümer: Museen, Gedenkstätten, Mahnmale etc., in denen man sich zum Holocaust bekennt bzw. sein Bekenntnis durch passive Teilnahme bestätigt (in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem brennt im Einklang mit Tempeltraditionen sogar eine ewige Flamme). (Der Holocaustkult, Sapir 2008)

Abgesehen von der Kritik, die insbesondere in den Kommentaren zum Holocaustkult Artikel, am Konzept der Zivilreligion aufgekommen ist, bleibt mir gleichfalls das Problem von offiziöser Kultur und den vielen Sub- und Nebenkulturen in den Gesellschaften unbedacht. Aus diesem Grund bleibt mir auch jedes Wir, mit dem Judt seine Mitbürger zur Umkehr und zum Nachdenken (abgesehen von jedem Die und Ihr, was im Wir mitgedacht wird) mit schalem Nachgeschmack in Erinnerung.

Trotzdem ist sein Artikel insbesondere bei seinen Erläuterungen zur Folter lesenswert, welche anscheinend den eigentlichen Anstoß zum Schreiben gegeben haben. Auch Publizisten, die hierzulande allzu öffentlich über die Legalisierung der Folter im Ausnahmefall (womit wir wieder bei Agamben sind) nachdenken, ist das Forschen in der Geschichte angeraten. Warum die peinliche Befragung eigentlich aus dem Repertoire des Rechtsstaates verschwunden ist, ist aber eine Erfahrung, die anscheinend auch immer wieder neu gelernt werden muss.

 

April 19, 2008

Regionalgeschichte im Internet

Vor einigen Tagen wurde im Landesarchiv Speyer eine kleine Präsentation des Instituts für Geschichtliche Landeskunde an der Universität Mainz e.V. (was ein Name!) abgehalten und als Hilfskraft am (nächster cooler Name!) Institut für Fränkisch- Pfälzische Geschichte und Landeskunde (ich bin sicher wir haben gewonnen) hatte ich das Vergnügen dieser Veranstaltung beizuwohnen.

Das IGL Mainz hostet unter anderem die Seite www.regionalgeschichte.net und führt weitere Projekte, die man ohne viel Aufwand als digitale Geschichtsschreibung bezeichnen könnte. Zum Beispiel werden dort zahlreiche Edititonsunternehmungen betrieben. Ja und mit diesen Voraussetzungen ging ich also zu dieser Veranstaltung in der Hoffnung vielleicht Perspektiven und Pläne zu erfahren, was und wie digitale Regionalgeschichte in den nächsten Jahre entwickelt und betrieben  werden könnte.

In der Tat kleinere Einblicke in die Zukunft, insbesondere des Portals regionalgeschichte.net wurden gewährt. Hier sollen insbesondere weitere Regionen “acquiriert” werden,  um sich in diesem südwestdeutschen Projekt einzubringen (namentlich die Pfalz). Des Weiteren soll das weiter betrieben werden, was derzeit getan wird, Digitalisierung und  Vernetzung von Heimatgeschichtsvereinen.

So was mich eigentlich alles in gewisser Form interessiert hätte und vielleicht eine produktive Diskussion  ermöglicht hätte, über den Zweck von zahlreichen Digitalisierungsprojekte, in die sich Nutzer nicht einbringen können. In einem kurzen Gespräch nach der Veranstaltung mit dem technischen Verantwortlichen Torsten Schrade, wurde aber deutlich, dass - zu unserer beider Bedauern - anscheinend den meisten “älteren” Historikern die Vorstellung, Nutzer könnten Hinweise, Zusätze oder vielleicht sogar Verbesserungen an Editionen, Münz- oder Inschriftendatenbanken etc. vornehmen ganz und gar fremd und geradezu beängstigend vorkommen muss. Das beste was er herausholen konnte war eine Rubrik für Addenda und Corrigenda für den Herausgeber der Edition in der Inschriftendatenbank.

Soviel zu digitalen Geisteswissenschaften im Web 2.0. Zu einem Zeitpunkt an dem der Abgesang auf die 2.0 schon begonnen hat.

achso, Addenda:

Der eigentliche Anlass dieses Treffens war aber, wie sich im Laufe der Veranstaltung herausstellte, an schlechten Gossip erinnernde Heimatgeschichtepolitik, die in Rheinland-Pfalz anscheinend immer noch sehr alte Wunden aufreißt (Rheinland -/- Pfalz…).

 

April 15, 2008

Neues Semester

So nachdem ich mir mal 2 wochen blogfrei genommen habe (damit ich nicht so ende, wie es die New York Times der Blogosphäre einzureden versuchte) und im neuen Semester angekommen bin, schreibe ich mal wieder. Insbesondere womit ich mich in nächster Zeit beschäftigen will fasse ich einmal in einem kurzen Abriss zusammen.

Das ganze orientiert sich zum großen Teil an meinem Stundenplan. Zum einen werde ich mich mit Heidelbergs mittelalterlichen Spuren beschäftigen. Diese Themen werde ich aber weil es sich so wunderbar anbietet in meinem neuen Blog auf chronologs ausarbeiten.

Hier werde ich mich insbesondere mit der Übung Juden in Buttenhausen, da es verbunden ist mit einer Homepagedarstellung, befassen und mit dem täglichen/wöchentlichen Quatsch zur Netzgeschichte.

März 22, 2008

Al Nakhba?

Ich hatte eigentlich niemals erwartet für Ilan Pappé in die Bresche springen zu müssen, insbesondere, da er seine Thesen und Ideen häufig auf allzu schwacher Quellenbasis publiziert, was für mich die einzige relevante Sünde ist (insofern relevant, dass ich mich damit beschäftigen will. Der JPost und Haaretz Gossip, der über die Nakhba und den “Unabhängigkeitskrieg” ausgebreitet wird, ist nicht wirklich interessant).

Ilan Pappé gehörte mit Benny Morris in den frühen 80ern zu jenen Historikern in Israel, die nicht unbedingt wohlwollend den Titel “New Historians” aufgedrückt bekamen und eine revisionistische Geschichtsschreibung einforderten. (Revisionismus ist hier in der Bedeutung eines neu Betrachten’s zu denken und nicht, wie es in Deutschland glaub ich einmalig ist, in holocaustleugnerische oder revanchistischer Manier) Die israelische Gesellschaft sollte insbesondere den “Unabhängigkeitskrieg” neu überdenken und sich von liebgewonnen Mythen (wie zum Beispiel der “freiwilligen” “Ausreise” der palästinensischen Bevölkerung”, oder der militärischen Unterlegenheit des David-Goliath Schemas, welches heute noch zahlreiche Politiker umtreibt) verabschieden. Während Morris sich nach einigen Aufsehen erregenden historischen Studien, die durch die Öffnung der IDF Archive ermöglicht wurden, einer eher konservativen Position zuwandte (sehr deutlich nach dem zweiten Aufstand der Palästinenser), bestand Pappé auf revisionistischen Haltung und wandte sich der palästinensischen Perspektive des Kriegs von 1948 zu. Sein neuestes Werk ist hierbei “die Ethnische Säuberung Palästinas”. Lassen wir die berechtigten Zweifel und Probleme hinsichtlich dieser Darstellung, einmal aus dem Blick. Pappés Verdienst ist, dass er im Gegensatz zahlreicher, oder besser, der meisten israelischen Historiker die palästinensische Perspektive überhaupt registriert, und als historisch, als geschichtswürdig und -mächtig anerkennt. Sein Versuch, der bei seinem Schüler Teddy Katz 2000/2001 leider fulminant scheiterte, diese Opfer des Krieges, durch Oral History zu den Quellen der Historiker hinzuzufügen, ist zu begrüßen, insbesondere bei einer Minorität, die in den Ländern, in denen sie in ihren Lagern zum dahin vegetieren gezwungen werden, nicht als relevante schriftliche oder mündliche Stimme wahrgenommen werden.

Wie schwierig diese Perspektive zu ertragen ist, zeigt sich im Skandal, der sich um die Master Arbeit Teddy Katz’ gewunden hat. Katz untersuchte mit tatkräftiger Unterstützung Pappés, ein “Massaker ” welches sich im Küstendorf  Tanturas 1948 zugetragen haben solle. Männer der Alexandronibrigade hätten die männliche Bevölkerung des Dorfes zusammen getrieben und wahllos niedergemetzelt (um hier auch die Wortwahl zu imitieren). Katz wurde nun verklagt und zur Zurückziehung seiner Thesen gezwungen. Hier liegt der Skandal, nicht in dem was er geschrieben hat. Die einzige Demokratie im Nahen Osten, sieht sich nicht fähig den wissenschaftlichen und politisch-gesellschaftlichen Diskurs die Bewertung und Kritik von solchen Stimmen übernehmen zu lassen, sondern zehrt sie vor Gericht. Katz Thesen hatten keine wirkliche Quellenbasis, und das bisschen was da war, hat er durch bewusste Übertreibung etc. so verfälscht, dass die Oral History und die Stimmen der palästensischen Perspektive auf lange Zeit nicht ernst genommen werden. Bravo große Leistung, das ist auch ein Skandal.

Warum schreib ich hier eigentlich Ilan Pappé, nun mein werter Kommilitone und Chronologs Mitblogger Yoav Sapir, hat über Pappé geschrieben und ihn ein bisschen durch den Dreck gezogen, was berechtigt war angesichts eines Texts in der Nationalzeitung.

Pappé ist nicht das Opfer, als das er sich gern darstellt oder der einzige Sehende unter den blinden Historiker der israelischen Zeitgeschichte. Pappés Thesen sollten aber keineswegs so leichtfertig vom Tisch gewischt werden, wie es nach einigen Skandalen mit einem Fingerschnippen geschieht. Die palästensische Bevölkerung hat bisher kaum eine tiefer  gehende Würdigung in der Historie erfahren. Die IDF und Hagannah Archive und Ben Gurion Tagebücher sind nur eine schlechte Quelle für die Nakhba  und eine spitzen Quelle für den “Unabhängkeitskrieg”. Viele Historiker scheinen zu vergessen, dass sie schon in der Auswahl der Quellen, insbesondere jener, die nicht beachtet werden sollen, ihrer Geschichtsschreibung eine Richtung geben. Eine nüchterne Betrachtung von 48 und 67 und 23 und 27 und …. bedarf aber am besten aller Perspektiven.

 

In Auswahl:

Ethnic Cleansing of Palestine von Ilan Pappe von Oneworld Publications

The Tantura Case in Israel: The Katz Research and Trial Ilan Pappe; Journal of Palestine Studies, Vol. 30, No. 3. (Spring, 2001), pp. 19-39.

The Tantura Massacre, 22-23 May 1948, Ilan Pappé; Journal of Palestine Studies, Vol. 30, No. 3. (Spring, 2001), pp. 5-18.

The Birth of the Palestinian Refugee Problem, 1947-1949 (Cambridge Middle East Library) von Benny Morris von Cambridge University Press (Taschenbuch - März 1989)

 

März 17, 2008

Toleranz im 13. Jahrhundert?

Im Laufe der Recherche zu Johannes di Plano Carpinis Reise zu den Mongolen 1245-1246 bin ich auf eine interessante Passage in der Entwicklung des Völkerrechts und einer Idee von Toleranz gestoßen.

Zur Toleranz im Mittelalter gibt es ein Werk von Cary J. Nederman, der leider seinen innovativen und interessanten Einsatz ein bisschen verspielt, in dem er einem interkulturellen Utopia und der “vielgerühmten” convivenica das Wort spricht. Er erinnert hier häufig und leider an Maria Menocal, die in ihrem eher literarischen als wissenschaftlichen Ansatz über das goldene Zeitalter in Al-Andalus, dem muslimischen Spanien vom 9. bis zum 11. Jahrhundert, geschrieben hat. Sein Konzept von Toleranz überzeugt aber in gewisser Hinsicht, da es von der eigentlichen Wortbedeutung herkommt. Wenn ich etwas nur ertrage oder erdulde, dann ist das eben nicht die Toleranz, der wir uns heute so verschreiben, sondern nur ein temporärer Zustand, um in einer gewissen Situation relativ erträglich leben zu können. Hier zeigt sich auch deutlich, dass Toleranz gegenüber Idolatristen sehr viel einfacher zu bewerkstelligen ist als gegenüber Häretikern. Der pagane Unglauben kann eben sehr einfach mit nicht vorhandenem Wissen oder einem zivilisatorischen Rückstand erklärt und somit “erduldet” werden, auch wenn die Hoffnung auf Mission dieser Menschen vorhanden bleibt. Bei Sekten, die vom “wahren” Glauben abfallen und für sich zusätzlich noch die richtige Lesart der heiligen Texte einfordern, und diese im Gegensatz zu den Heiden nicht an den Grenzen der civitas christiana sondern in ihrer Mitte sind, ist eine Toleranz um einiges schwerer aufzubringen. Nederman definiert die mittelalterliche Toleranz wie folgt:

Toleration is, therefore, not a good or an end in itself, but a course of action or inaction sanctioned, ultimately, by God himself inasmuch as He created and edowed humanity with certain capacities and frailties. Nederman 2000.

Das die abendländische Moderne sich mit diesem Begriff nur sehr schwer anfreunden kann ist nachvollziehbar und erklärt vielleicht die Arroganz (und hier nicht nur gegenüber dem Mittelalter an sich, sondern besonders auch gegenüber außereuropäischen Kulturen, die keine “Aufklärung” durchgemacht haben) mit der felsenfest behauptet wird Toleranz sei nicht möglich, ohne das Ablegen eines intoleranten Zustandes, in dem sich die Gesellschaft und insbesondere die Kirche vor den Religionskriegen befand.

Ein anderes Ereignis im 13. Jahrhundert spricht ebenso für eine gewisse Auffassung von Toleranz. Papst Innozenz IV hat in seinem Gesandschaftschreiben  an den Herrscher der Mongolen, das er Johannes mitgab. In diesem Brief ebenso wie in Späteren legte Innozenz das Verhältnis zu paganen Herrschern dar. Vom Naturrecht ausgehend, und gerade hier liegt das Auffällige, da er erkennt und anerkennt, dass den Mongolen nicht vom Christentum her ein Zustand erklärt werden könne, beschreibt er, dass aufgrund des natürlichen Bandes, das alle Menschen verbindet, jener, der ein Stück Land und die Herrschaft darüber zuerst für sich beanspruche, eine legitime Herrschaft besäße. Diese Öffnung, die mit dem Sturm auf Liegnitz 1241 dem europäischen Christentum aufgezwungen wird, führt also zu einem diplomatischen Überdenken. Die Anerkennung der tartarischen Herrscher als legitim handelnde Herrschaft und der gleichzeitige Versuch der Mission und Bindung an das Papstum zeigen die besondere Vorstellung von Toleranz im Mittelalter.

Die Tatsache, dass Innozenz ernstlich de Status verschiedener Kulturen bedachte, die in dieser Welt in Beziehung zueinander traten, macht seinen Plan zu einem wichtigen ersten Schritt hin zu späteren Völkerrechtskonzepten. Schmieder 2006.

 

 

 

Nederman, Cary J. (2000): Worlds of difference European discourses of toleration, c. 1100 - c. 1550. University Park, Pa.: Pennsylvania State Univ. Press.

Schmieder, Felicitas (2006): Der mongolische Augenblick in der Weltgeschichte. Als Europa aus der Wiege wuchs. In: Schmieder, Felicitas (Hg.): Produktive Kulturkonflikte. Berlin: Akad.-Verl. (Das Mittelalter 10.2), S. 63–73.

 

 

März 14, 2008

Sunrise of Methodology

Ich reiße mal das Heft an mich und verweise auf den Artikel von Tom Scheinfeldt, der sich in einem “relativ” Aufsehen erregenden Beitrag Sunset for Ideology, Sunrise for Methodology? auf seinem Blog Found History, mit der neuen Konstellation in den Geisteswissenschaften (und für ihn und natürlich für mich auch besonders interessant in der Geschichte) beschäftigt. Er geht davon aus, dass das 20. Jahrhundert aus wissenschaftshistorischer Perspektive, insbesondere durch ideologische Diskussionen und Konflikte geprägt war, und weniger durch methodologische und wissensorganisatorische, so wie es das 19. Jahrhundert noch gewesen wäre, dominiert wurde.

Hier sieht er nun durch die Entdeckung der digital humanities einen “moment of change”, wo in eine Phase “aufgebrochen” wird mit intensiver Beschäftigung über neue Organisationsformen von Wissen und der akademischen Welt und ihrer Aktivitäten. Projekte wie Zotero oder Wikipedia, sind derzeit intensiv debattierte und/oder genutzte Plattformen und Programme um Wissen zu sammeln und zu organisieren.

Ich hab auch Hoffnung hinsichtlich der Durchsetzung digitaler Arbeitsweisen in den Geisteswissenschaften (manchmal), und einer praktischen und theoretischen Auslotung der Möglichkeiten, die wir in unserer Fixierung auf beschriebenes Papier noch gar nicht sehen. Naja ich kann mir vorstellen, dass sich die schöne digital historian Welt von der George-Mason University etwas anders und um einiges innovativer und innovationsfreundlicher präsentiert. (ich hab natürlich auch nur meinen studentischen Blick auf eine sehr traditionsreiche Universität, die sehr exzellent ist und voller kluger kreativer Köpfer steckt).

Aber das ist nur ein Nebenaspekt der Veränderung die Scheinfeld da aufziehen sieht. Kollaborative Projekte und die weitere Demokratisierung der Geschichte (flickr und die Library of congress) oder die an enzyklopädische Großprojekte französischer Aufklärer erinnernde Google Books oder Internet archive. Ich kann seinen Weg ohne Probleme mitgehen, aber habe trotzdem meine Skepsis wie schnell und intensiv sich dieser Wandel in den Geisteswissenschaften vollziehen wird, dafür steckt in den Köpfen jener, die derzeit lehren zu wenig dieser Kommunikationstechniken und Organisationsformen.

 

 

März 12, 2008

Geschichte und Wirklichkeit

ich lese immer noch in Johannes Frieds Werk der Schleier der Erinnerung und muss mein erstes euphorisches Urteil zwar nicht revidieren, aber zumindest einschränken.

Fried verharrt immer noch in seinem dichotomischen Weltbild von wirklicher Wirklichkeit einerseits und Legende und Fabel andererseits, welches die Grundlage seines Aufsatzes “Auf der Suche nach der Wirklichkeit” (HZ 243, S. 287) von 1986 gebildet hat. Das dieses zu einfache Konstrukt der mittelalterlichen “Wissensrealität” nicht gerecht wird haben nicht zuletzt Münkler (Erfahrung des Fremden, 2000) oder Klopprogge(Ursprung und Ausprägung, 1993) eindrücklich gezeigt.

Nun die meiste Zeit auf den ersten 150 Seiten hatte ich auch noch große Hoffnung, dass diese Kritik an der Wirklichkeitsfähigkeit der menschlichen Wahrnehmung und ihrer Erinnerung darauf hinausläuft, dass der Mensch nicht zu einer Wirklichkeit an sich, sondern allerhöchstens zu einer referentiellen Realität fähig ist.

Und während Fried auf den beginnenden Seiten noch voller Ironie (und nicht ganz ohne Spott) über das “wie es wirklich gewesen ist” eines Rankes schreibt, endet er doch genau so an diesem anachronistischen Punkt positivistischer Geschichtsschreibung.

Sie [die Geschichtswissenschaft] muß erkennen, was einst wirklich geschah: daß der oder jener geboren, dies oder das zu der und der Zeit an dem oder jenen Ort getan, gedacht!!!!!!! Oder erlitten wurde, mit der und der Wirkung, daß jenes sich dann ereignete oder dort zutrug, und dergleichen mehr;

Als ob die letzten 40 Jahre Debatte in der Geschichte nicht vorhanden seien und nur die Fortschritte der Neurowissenschaften jetzt alles verändern würden.

Eben zum Thema “Geschichte schreiben in der Postmoderne” ist ein kurzes Essay (”Roman und Geschichte”)von E.L. Doctorov in der Lettre Internationale Nr. 80 S. 67 (übrigens tolle Zeitschrift, die ich nur anempfehlen kann, und im Studentenabo auch nicht sehr teuer) erschienen, das einen großen Bogen von den Erzählern der Bronzezeit:

die in der Bronzezeit erzählten Geschichten [Bibel, Ilyas, Gilgamesh] galten als wahr allein aufgrund des Umstandes, daß sie erzählt wurden. [ich denke das gilt zu großen Teilen noch heute]

bis zu Simon Schama, dessen radikaler Narrativismus in Deutschland glaub ich so verpönt ist, wie Weihwasser in der Hölle. Aber genug von den schlechten ausgelutschten Metaphern, lassen wir lieber jemand sprechen, der dead certainties gelesen hat:

To be sure, his conception of what he is doing comes from the highest scholarly rigour, but they are communicated as a public conversation.  Historians don’t have a monopoly on history.  For better or worse, we all make use of history in our day to day decisions.  And this is what he wants to address.  That is, history is profoundly moral, and political. (schama, schama, schama; theotherblog)

 

 

 

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