Paranoia im Nationalsozialismus

Posted on April 2, 2012

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Wieder ein Bericht aus meinen Quellenstudien in den Patientenakten der Psychiatrie. Kann man Paranoia in Zeiten der Verfolgung Pathologisieren? und wie muss der kritische Historiker im Nachhinein dazu stehen? Die Wahl den Krankheitsbegriff einfach nicht zu anzuerkennen ist zu einfach.

16.9.39 „Bei der Visite will Patientin nicht die Hand geben. Mit gereizter Stimme meint sie: “ Bitte sehr, ich bin nicht verrückt. Ich weiss, was das bedeuten soll, ich bin nicht verrückt. Sie haben mich nur eingeschlossen. Ich weiss, warum man mich beseitigen will. ich weiss, was man mit mir vorhat. (Sollen Sie umgebracht werden?) Ja, Ha, man will mich umbringen.“ Über etwas anderes ist mit Pat. nicht zu reden. In hartnäckiger Weise wiederholt sie in einemfort dasselbe“

Der Nationalsozialismus ist aus psychiatrie-historischer Perspektive besonders von der Sterilisierung und dem eugenischen Massenmord an geistig erkrankten oder „behinderten“ Menschen geprägt. Schon früh nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten etablierten sie ein zweckrationalistisches völkisches Gesundheitssystem, dass chronisch kranke, insbesondere Geisteskranke oder als „Behinderte“ beschriebene Menschen unter Druck setzte. Besonders deutlich wird dies bei den Sparprogrammen in der Anstaltspsychiatrie, die von Akteuren in der Medizin, der Politik und den Versicherungen voran gebracht wurde. 1939 folgte dann die „Vernichtung lebensunwerthen Lebens“ wie es die keineswegs nationalsozialistischen Vordenker Hoche und Binding so prägnant formulierten. (jüngst wieder neu ohne Partnerlink!)
Bei der Durchsicht einiger Akten ab 1939 fällt die relativ häufige aggressiv durchgesetzte Entlassung von PatientInnen aus der Psychiatrie in Heidelberg auf. Immer wieder pochen Angehörige auf die Entlassung ihrer Tochter, ihrer Mutter, etc. Immer wieder auch deutlich entgegen des ärztlichen Willens. Aus dem Rückblick bin ich geneigt diesen Handlungen ein gewisses diffuses(oder nicht ganz so diffuses) Bewusstsein der Lebensgefährlichkeit der Institution Psychiatrie zuzuweisen. Zu diesem Zeitpunkt wird es dagegen wohl eher die immer vorhandene Bedrohung der Sterilisierung sein, die schon den Schritt in die Psychiatrie so schwer machen.
Daneben gibt es Fälle die mich besonders irritieren und die oben angedeutet sind. PatientInnen mit Verfolgungsvorstellungen und Bedrohungsszenarien in ihrer Umweltwahrnehmung/verarbeitung reagieren insbesondere auf „fürsorgliche“ Einweisungen in die Klinik besonders aggressiv. Gerade hinsichtlich der allgegenwärtigen wahrnehmbaren Verfolgungsatmosphäre die als ausgegrenzte oder marginalisierte Person besonders deutlich zu fühlen war (vgl. die frühen Tagebücher von Klemperer) stellt sich die Frage inwiefern die Beschreibung von PatientInnen als paranoid zu Zeiten des Nationalsozialismus zu denken ist. Gedanken dazu?

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