Kontinuitäten

Posted on März 24, 2012

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Weil ich natürlich eine Schule kritischen Denkens durchlaufen habe, (nicht Adorno, dessen Willen ein falsches Bewusstsein im anderen festzustellen mir schon immer sehr suspekt war) Ansätze multipler und nicht linearer Zeitformen kennen lernen durfte, und sowieso liebend gerne auf den gestrigen und vorgestrigen Vorgängern in meiner Berufswahl herum prügele, behaupte ich nicht irgendwelche Kontinuitäten und Dauerhaftigkeiten aus dem historischen Prozess heraus schälen zu können. 
Eigentlich. 
Derzeit schaffe ich es jede Woche 1-2 mal in das Universitäts-Archiv Heidelberg zu gehen und Akten herauszusuchen und zusammenzufassen, die hoffentlich in meiner Diss landen. Ich nutze die Möglichkeit hier einfach und schnell (ich muss nur 400 Meter gehen) auf Akten zuzugreifen sehr gerne, da ich damit die Chance habe, meine methodischen und theoretischen Ideen und was man so alles machen könnte, an klassischen Patientenakten und Verwaltungsgütern zu prüfen. Nach dem Motto: was steht tatsächlich drin, was lässt sich überhaupt finden und welche Aktenformen gibt es überhaupt. Klassische Quellenarbeit also.
Erst einmal sondieren welche Bestände vorhanden sind, welche Untersuchungen möglich sind, und wie tragfähig hinsichtlich Fragestellungen und Theorien. Der Beruf des Historikers, die Geschichtswissenschaft darf aber nicht bei dem simplen ad fontes stehen bleiben. (welch ein Sakrileg). Die quellenarbeit im Archiv  ist keineswegs simpel, erfordert neben zahlreichen Handfertigkeiten wie Lesekundigkeit und Verständnis was da eigentlich vor eineR liegt, Sprachen, den Willen zum Wissen, eine gute Vorbereitung, Glück etc. Danach muss die Historikerin alles mögliche an quellenkritischer Arbeit leisten und sich einen plausiblen und stringenten Narrativ zu den Quellen überlegen. Doch diese Arbeitsweise bleibt, ja will theoriefremd bleiben. Sie behauptet schon in ihrer Praxis der Quellenarbeit einen positivistischen Empirismus, der sich in den Monographien fortschreibt. Soviel zu der klassischen Arbeit. 
Da ich aber wie gesagt kritisches denken unter meine erworbenen Kenntnisse zähle, geht das irgendwie nicht mehr so einfach. Vielmehr komme ich ins Archiv und hab einen theoretischen Apparat im Kopf, welcher das Archiv, das Geschichte schreiben, die Quellen selber, meine Position als weiß, männlich und heterosexuell und vieles anderes mehr kritisch sieht und dekonstruiert. Mein Thema macht es mir dabei nicht leichter, denn ich beschäftige mich mit Psychiatriegeschichte. Konkreter bedeutet das, ich werde mir die Einführung und Etablierung der Elektrokrampftherapie ab 1938 bis ungefähr 1960 anschauen und versuchen an Hand des Apparates die Geschichte der EKT nachzuvollziehen. Psychiatriegeschichte ist dabei ein politisch und moralisch schwer umkämpftes Schlachtfeld und zwingt mich immer wieder zum innehalten und selbst bestimmen. Gerade die Frage von Kontinuitäten findet wie von selbst den Weg in mein Grübeln. Wie überall in der deutschen Geschichte ist die Stunde Null auch in der Psychiatriegeschichte untersucht und die Kontinuitäten von NS-Reich zu Bundesrepublik untersucht. Normalerweise werden die Kontinuitäten an institutionellen und personalen Beharrungskräften festgemacht, die dazu führten, dass das Personal und ihre Praktiken von 1950 sich nur geringfügig von dem von 1944 unterschieden. [überspitzt] Eine ganz andere Ebene von Kontinuität ist mir in meinen bisherigen Quellenerhebungen begegnet.
PatientInnen hörten zur Stunde Null nicht auf behandlungsbedürftig zu sein oder dazu erklärt zu werden. Gerade die Euthanasie suggeriert ja diesen Schnitt den das NS Reich gesetzt hat, aber immer wieder begegnen PatientInnen, die nicht ermordert wurden oder an Hunger und Mangelerkrankungen starben. Besonders eindrücklich werden diese Beispiele, wenn wie in manchen Akten PatientInnen mehrere Wiederaufnahmen in der Klinik haben, so 1938, 1942, 1949 und 1951 [wilde Zahlen]. PatientInnen, die der Verfolgung durch Staat und MedizinerInnen ausgesetzt waren, zwangsterilisiert wurden oder unter der Mangelwirtschaft in den Psychiatrien litten. Sie müssen wieder kommen,  sind konfrontiert mit der Beharrungskraft des Gebäudes, des Personals  [in Heidelberg eher PflegerInnen als ÄrztInnen] und mit der Struktur der Behandlung; ja mit der Institution Psychiatrie. Gerade letztere schreibt sich ein in das Format der Patientenakte. Diese symbolisiert den Nicht-Schnitt. Die Formulare, die Beschreibungen, die Sprache, die Handschriften, die Behandlungsmethoden bleiben. Und die Wunden bleiben. Ich möchte aber bei den Quellen bleiben. Das für mich seltsamste ist die Papier gewordene Stabilität des Verwaltungsvorgangs. Hier kommt es nicht zum Überdenken oder neu bestimmen von Praktiken, vielmehr kommt es zu absurd anmutenden Momenten der Kontinuität. 1942 wurde auf Führererlass die gotische Schrift aus offiziellem Schriftgut verbannt und die meisten Formulare werden neu in der Antiqua aufgesetzt. Im Juni 1945, Zeit des Papiermangelns und des ostentativen Antifaschismus, werden dann die ganzen alten Formulare wieder ausgekramt und bis 1950 begegnen sie immer wieder. 
 
Warum erzähl ich das eigentlich? Was irritiert mich? 
Mhhh irgendwie wurde der Text hier banaler als ich es erhofft habe, mir fehlt wohl noch der richtige Zugang zu diesem seltsamen Gefühl von Papier gewordener Zeit.
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