Experimente–Elektrokrämpfe

Posted on Oktober 18, 2011

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An dieser Stelle sollen in der nächsten Zeit ein paar historische Experimente in der Psychiatrie und Psychologie vorgestellt. Da ich mich derzeit sehr intensiv mit Studien und Versuchen im psychiatrischen Rahmen beschäftige, laufen mir diese Experimente natürlich sehr oft über den Weg und ich habe häufig das Gefühl, dass eine Geschichtsschreibung des Experiments hier noch mehr Einblick verschaffen kann. Der Gedanke kommt aus den Naturwissenschaften, wo besonders Latour den Versuch etwas im Experiment zu finden/ zu schaffen/ zu erforschen untersucht hat und dabei den scientific myth der Entdeckung ein bisschen auf den Kopf gestellt hat.

1938 als die ECT (electro-convulsive-therapy) erstmals öffentlich von Ugo Cerletti und Lucio Bini ( Un nuevo metodo di shockterapie “L’elettro-shock.”, in: Bollettino Accademia Medica Roma, 1938 google scholar ist großartig) vorgestellt und beworben wurde, war die Möglichkeit der Schockbehandlung schon bekannt und hatte in den letzten 6 Jahren, insbesondere seit Sakel’s Veröffentlichung, die psychiatrische Klinik deutlich verändert. Erstmals konnte psychiatrisches Personal auf eine aktive direkte Therapie zurückgreifen, ein Zustand, der sehr ungewohnt war und zu einer rasenden, wilden Suche nach neuen Therapieansätzen und Psychopharmaka führte. [hmm erstmals passt nicht ganz, eine frühe sehr effektive wirksame Therapiemethode war die Kaufmann  Methode “sie ist eine Kombination von Wort-Suggestion und starken elektrischen Strömen” – es war effektiv Folter]. Neben der Insulin-Methode (die man bekannterweise in “A Beautiful Mind” visuell erleben kann) gab es noch Versuche mit Cardiazol und anderen Alkaloiden und Barbituraten und so weiter. Worauf ich eigentlich hin wollte, es gab in den Dreißigern und Vierzigern eine sehr kreative Anspannung in der Psychiatrie.

In Rom versammelt der u.a. in Heidelberg ausgebildete Ugo Cerletti 3 junge Ärzte um sich und bringt sie dazu neue Sachen auszuprobieren. Cerletti hat die Idee Stromschläge als Krampfauslöser zu benutzen und hat auch schon einige Hunde getötet bei dem Versuch die Spannung und Dauer und Wattzahl in den Griff zu kriegen. Der Versuch mit Krämpfen zu heilen, hat eine längere Tradition und findet sich strukturell schon bei den Malaria-Fieber Therapien von Wagner-Jauregg, der Neurosyphilis damit behandeln konnte. Die Idee dahinter, erschließt sich mir nicht wirklich, vielleicht gerade weil ein schlüssiges Hirn-Psyche-Modell gar nicht vorhanden ist, sondern es sich hier um ein “mal-schauen-was-passiert” ein Tasten nach Ergebnissen handelt. Ein weiterer Gedanke, der spontan kommt ist die Katharsis des griechischen Dramas, also ein Schrecken, der den Protagonisten dazu zwingt reinigend über sich selbst hinauszuwachsen. Vergleiche dazu auch die Katharsis-Theorie in der Psychologie. Fungiert der Krampf also als Technologie des künstlichen Schreckens? Kommen wir nochmal zurück um die Umstände von Cerlettis Arbeit zu untersuchen. Nachdem er einige Hunde getötet hat, schickt er seine Mitarbeiter unter anderem in Schlachthöfe, wo Schweine mit Elektroschocks betäubt werden und erhofft sich daraus Daten mit den die Justierung besser gelingt. Nachdem er seine Apparatur entsprechend angepasst hat, wartet er auf einen Kranken, der in Gestalt eines verwirrten, offensichtlich psychotischen Mannes daher kommt. Und spannend an diesen ersten Versuchen ist, dass sie quasi in einer Abstellkammer stattfanden, also im Geheimen, so dass der ganze Versuch vertuscht werden konnte. Alles funktionierte soweit und der Patient remittierte und konnte entlassen werden, was die Wirksamkeit der EKT nahe legte.

Was aber  erzählt diese Experimentanordnung, erstens muss ganz banales praktisches Wissen aus den Schlachthöfen von Rom in die Klinik gebracht werden, um eine gewisse Sicherheit zu erlernen und zu gewährleisten. Zweitens äußert sich der immer noch vorhandene Zweifel an der ganzen Idee, im Ort im verborgenen des Versuchs und drittens entwickelt sich ein Krankheitsbild und eine Theorie der Psyche erst mit den Versuchen. Im praktischen/therapeutischen Erforschen des kranken Gehirns werden ganz neue Psyche-Bilder beschrieben. Und vielleicht am einflussreichsten, das Selbst-Bild des Arztes in der Klink, wandelt sich vom Gefängnisaufseher zum behandelnden Practitioner.

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