Es gibt keine Geisteskrankheiten?

Posted on Oktober 7, 2011

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Das ist so etwas wie eine Nachlese, aus meinem Kurz-Praktikum im ZI Mannheim, den Gedanken die ich mir für meine Magisterarbeit machen musste und einem Buch (Regener, Susanne, Visuelle Gewalt, 2010), das ich gerade lese. Eine der immer noch schwelenden Debatten oder nennen wir es lieber Probleme in der Psychiatriegeschichte und –theorie ist die Fundamentalkritik, die mit Namen wie Michel Foucault und Thomas Szasz verbunden ist.

Gerade Szasz mit seinem Werk “the Myth of Mental Illness” bezieht eine so dichotome Stellung und seine Beziehungen zur Scientology machen es für eine kritische “post-whatever” Perspektive unmöglich, ihn weiterhin Ernst zu nehmen. Foucault entwickelt in seiner “l’histoire de Foilie…” und darüber hinaus einen Weg über die Machtstrukturen in der Psychiatrie, in der Gesellschaft und im geisteskrank-sein nachzudenken, geht aber in diesem Frühwerk noch allzu sehr von Strukturen und Essentialismen aus, die so meiner Meinung nach nicht funktionieren. Im kurzen Erleben der psychiatrischen Praxis und im langen Lesen darüber, erscheint mir dieser Konflikt zwischen “anti-psychiatrischer” Perspektive der Geschichts- und Sozialwissenschaften und der “whiggish” – apologetischen Schreibweise der Ärzte-Historiker, grundlegend auf dem europäischen Leib-Seele Problem und der Ignoranz gegenüber Machtstrukturen zu basieren. (Benoît Majerus und Volker Hess haben in ihrem leider kurzen Beitrag in Hist. of Psych.  22/2, 2011 darauf hingewiesen, das gerade das Nachdenken über diese Dichotomie die Historiographie der Psychiatrie des 20. Jahrhunderts prägen wird).

Zu ersterem Gedanken, neben seiner Allgegenwärtigkeit in der Debatte zu den theoretischen Fundamenten der Psychiatrie, bin ich gerade beim Erleben einer EKT (Elektro-Krampf-Therapie) gekommen. Die EKT stellt die meisten anderen Therapieansätze in ihrem Wirksamkeitsgrad und ihrer Armut an Nebenwirkungen, also ihrer efficacy und efficiency in den Schatten. (Ich spreche hier von der Behandlung schwerst erkrankter Menschen und den vergleichbaren Therapieansätzen) Praktizierendes Medizinisches Personal hat selten Probleme damit, den Geist und das Gehirn als etwas verschränktes zutiefst verbundenes und nur im Wort getrenntes zu denken, sind also in der Hinsicht tausend Schritte weiter als der gewöhnliche Geisteswissenschaftler. Dieser geht immer noch irgendwie von diesem geistigen Seelenkern aus, der nichts mit dem Körper zu tun hat. Jedenfalls erscheint es mir so. Warum soll es eine biologistische Perspektive auf den Menschen sein, wenn er zu seiner Behandlung Tabletten oder EKT’s etc. bekommt. (das will mir ernsthaft nicht in den Kopf) Ich habe hier eher das Gefühl, dass viele Psychologen, Geisteswissenschaftler und besonders Analysten einer verkopften, von der Magie der Sprache infizierten Ideologie ausgehen, die ein Bewusstsein als Kern des Menschen und nicht sein Körper-Geist-Entanglement proklamiert. (Daneben gibt es natürlich immer noch das Problem, dass die psychiatrische Behandlung meist auf nicht oder nicht sehr verstandenen Prozessen basiert — wie die neueste Kritik der sogenannten Second Generation Antipsychotika unter anderem zeigt: The death of atypical antipsychotics, via Mind Hacks)

Das sozusagen zur Verteidigung der psychiatrischen Behandlung. Das andere Problem, das ich sehr deutlich erlebt habe, bezieht sich auf die Ignoranz der Machtstrukturen in der Psychiatrie. Psychiater und auch Psychologen setzen sehr bewusst moralische/soziale/rhetorische Macht- und Zwangsmittel ein (gerade auf den geschlossenen Stationen), um die Compliance von Patienten zu gewähren und Fremd-/Selbstgefährdungen zu unterbinden etc. Um diese offensichtlichen Taktiken im Klinikalltag geht es hier gar nicht, sondern um die problematische Nähe von Psychiatrie und Gefängnis und um die Pathologisierung von Fehlverhalten. Die Entscheidung, ob ein Mensch ein psychisch kranker Mensch ist, wird sehr selten innerhalb der Pforten einer psychiatrischen Klinik getroffen, auch wenn medizinische Experten die Diagnose und Prognose etc. stellen, ist es gerade die freiwillige oder erzwungene Aufnahmen in der Klinik, die die Entscheidung trifft.

Der gescheiterte Umgang mit der Gesellschaft, als Umwelt, ist zumeist der Auslöser und an diesen Ort (betrachten wir das Netz von Akteuren und Handlung topographisch) setze ich die Entscheidung der Geisteskrankheit. Geht man hiervon aus, stellt sich unwillkürlich die Frage was dort als pathologisch beschrieben wird und das ist Verhalten, das nicht sozial kompatibel/akzeptabel ist, also im einfachsten Wort ANDERS. Hierbei gibt es feine Abstufungen, die Milieu/ Alters/ Geschlechts/ und Klassen-abhängig sind. Es gibt also eine Ideologie des Normalen, die vom medizinischen Experten eine Behandlung von ANDEREN fordert, um diese Ideologie durchzusetzen. Und genau hier liegt die Ignoranz gegenüber Machtstrukturen. Die eigene Normalität des medizinischen Personals ermöglicht es ihnen zu erkennen, was die Gesellschaft stört, welche Werte und Handlungsnormen es zu vermitteln gilt. Dazu kommt das medizinische Wissen, das die Gründe der Krankheit analysiert und bekämpfen kann. Das Handlungsnormen und Werte etc. auszuhandelnde soziale Strukturen, macht-durchdrungen umkämpft sind, erkennen sie nicht. Dass sie im Auftrag einer Gesellschaft arbeiten ist klar, aber dass dadurch auch Normalitätsvorstellungen und Hegemonien durchgesetzt werden, erkennen sie nicht. Weshalb sie die Kritik an ihrer Arbeit, die zum Beispiel Foucault vorbringt nicht verstehen, weil sie sich nicht als Agenten der Normalität wahrnehmen, sondern gerade als persönlich individuell angegriffene…

Ich habe schon oben gesagt, dass ich schwerst erkrankte Menschen erlebt habe und ich käme niemals auf die Idee, zu behaupten ihre Behandlung sei ein Fehler, die Notwendigkeit ist offensichtlich (was gefährlich ist ich weiß). Betrachtet man aber die Pathologisierungen die jährlich von Hausärzten (die nicht einmal verstehen was sie tun) und Psychologen vorgenommen werden, die Millionen von diagnostizierten BurnOuts, Depressionen, ADHS, … behaupte ich, dass nicht die Mauern der Psychiatrie die gesellschaftliche Normalität produzieren, sondern die freundlichen Praxen und Couches. Kurzer Rundumschlag

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Posted in: Geschichte