Geschichte/n

Posted on Oktober 15, 2008

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Während sich einige Fragen wie Twitter die Welt verändert, betrachte ich Twitter lieber einmal symptomatisch und frage mich wie symmetrische Kommunikation die Hohepriesterei der Geschichtswissenschaft beeinträchtigt.

Viralmythen spricht vom Systemglauben, der den Status der Massenmedien definiert und ihre Dominanz bei der zur Verfügungstellung von Informationen ermöglichte. In ähnlichen Gedanken stellt sich mir die Frage, (vielen Studenten des sogenannten Mittelalters wird das in ähnlicher Form bekannt sein) „Wer hat eigentlich die Historiker zu den Herren der Geschichte gemacht?“

Zweifellos gibt es im westlichen Kulturkreis eine gewisse Tradition der Geschichtsschreibung, die man häufig bei Herodot und Thukydides beginnen lässt und weiter führt über Sueton und Plinius oder später die Viten Karls des Großen … und der große Leopold von Ranke. Ranke wird häufig zum Gründervater der modernen Geschichtsschreibung bestimmt, die basierend auf Quellen durch kritische Analyse verstehen will, „wie es eigentlich gewesen ist.“ Die meisten heutigen Historiker behaupten, sie würden das nicht mehr wollen.

Der westliche Kulturkreis.

Was ist mit dem Rest der Welt? Dem hat die westliche moderne Geschichtschreibung die Erleuchtung gebracht, dass man Geschichte nur so, akademisch institutionalisiert und professionalisiert, schreiben kann. Besonders die Betonung einer nationalen Sinnstiftung durch Geschichte fiel auf fruchtbaren Boden und so entstanden bei der Dekolonisierung schöne neue Nationalismen, die sich dann „auf die Schlacht am Amselfeld“ berufen konnten.

Das es nicht nur diese akademischen Geschichten gibt, wird langsam deutlicher (Public History). Während sich das vor einigen Jahren noch auf Leserbriefe und Zwischenrufe in Vorlesungen („Ich war dabei, ich hab das anders erlebt“) beschränkte, entwickelte sich besonders durch das „jederkannschreiben“ Internet, die Möglichkeit, all die kleinen privaten subjektiven Geschichten und Geschichtchen zu erzählen.

Das Geschichte getwittert werden kann glaub ich kaum Aber Projekte wie „Wikistoria„, die eine Plattform bieten wollen, auf der jeder Geschichte schreiben kann, können eine Möglichkeit bieten, in der insbesondere auch jene Geschichten Gehör finden, die nicht dem Konsens entsprechen. Dies seien bespielsweise Frauen, Männer(als soziokulturelle Konstruktionen), Queers, Blacks, Migranten, fourth world groups, Politisch Verfolgte, Drogenkonsumenten und das ganze Feld der „Anderen“, das sich da auftut.

Das wäre ganz im Gegensatz zu der Wiki-Farce , die HSK und Clio-Net derzeit aufziehen wollen. Hier fühlt sich anscheinend eine priviligierte, noch dazu über die Begriffs- und Deutungshoheit herrschende, Minorität von den offenen Wissenplattformen in ihrer Kompetenz hintergangen.

Aber nicht nur die Hegemonität (im Sinne einer konsensualen Dominanz) der Historiker wird in ihrer „Wahrheit“ und „Natürlichkeit“ hinterfragt, sondern auch die der westlichen Kultur. Das Internet, zu Beginn seiner Entstehung tief im eurozentrischen weißen männlichen Diskurs verfangen, entwickelt sich zu einem immer stärker multipolaren und besonders multilingualen Netz, das nicht zuletzt ermöglicht andere Geschichte zu schreiben, als jene des Westens. Ich denke hier lässt sich Glocalization beispielhaft aufzeigen.

 

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