Postkoloniales Mittelalter

Posted on Oktober 8, 2008

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Ich lese zur Zeit einen Sammelband zu postkolonialen Zugriffen auf mittelalterliche Geschichte. Darin ist auch ein Aufsatz, der sich mit der Verwendung von Spolien im postkolonialen England, will sagen poströmischen, auseinandersetzt. Nicholas Howe beschreibt wie Spolien aus dem Hadrianwall in die Kirchen der jungen Angelsächsischen Kirche eingebracht wurden. Er beschreibt sie als Überbleibsel kolonialer Herrschaft an der Grenze, hier am Wall ganz besonders, des Reiches. Dieses wird, im Gegensatz zu modernen postkolonialen Gesellschaften (diese häufig begegnende Grundidee postkolonialer Texte hinterfragt er gleichzeitig) nicht ausschließlich negativ gedacht. Beda VenerabilisEr verweist zum Beispiel auf Beda, der die Riesen der alten Zeit, die mit Stein bauten … rühmt. Zugleich verknüpft sich das Erbe des antiken Reiches mit dem jungen Christentum, dass in seiner expansiven Strategie, die Führung der bekannten Welt zum Heil, die Idee des römischen Imperiums und dessen Hauptstadt annimmt.
Die Benutzung von Spolien transportiert diese gedankliche Auseinandersetzung in die materielle Ebene. Er beschreibt eine angelsächsische Kirche, die quasi um eine Spolie herum gebaut wurde und das Erbe der römischen Welt im Schoß der Kirche gleichsam im Stein bewahrt und einschreibt.

(Howe, Nicholas, Anglo-Saxon England and the postcolonial void, in: Postcolonial Approaches to the European Middle Ages, hg. v. Kabir, Ananya – Williams, Deanne, S. 25-48)

Ecclisia und SynagogaEin Gedanke der mir hierbei kam, ist die Verwendung jüdischer Spolien in kirchlichen Bauten im Hoch/Spätmittelalter. Ich kann mir gut vorstellen dass im Stein antijuadaistische (und hier geht es konkret um die Überwindung von Synagoga durch Ecclesia) Programme und Symbolsprache festgehalten wurden. Zum einen steht die Kirche auf dem Erbe des alten Testaments zum anderen sind sie mit Füßen zu treten.

Gibt es hier zu Arbeiten?

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