Die Zeitleiste

Posted on Juni 20, 2008

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Habe hier schonmal über Zeitleisten geschrieben und diese eigentlich auch bisher als Prinzip der Vermittlung historischen Wissens im Internet, besonders wenn sie kollaborativ gestaltet sind ganz gut gefunden. Nun habe ich ein wenig nachgedacht und sehe das ganze sehr problematisch.

Ich hole mal aus. Ich beschäftige mich zur Zeit an der Universität in einer Übung mit der Geschichte der Geschichtswissenschaft und wir sind gerade bei den Annales und der deutschen Sozialgeschichte angekommen. Eines was in diesen Ansätzen immer wieder angesprochen wird ist das diachrone Verhalten von Strukturen und Prozessen, eben das Entwicklungen ganz langsam beginnen, sich beschleunigen und sich wieder in eine andere Richtung entwickeln können.

Eine Zeitleiste suggeriert, aber eine zielgerichtete geradlinige Entwicklung eines Prozesses von einem Startpunkt zu einem Endpunkt. Hier müsste meiner Meinung nach unbedingt ein Weg gefunden werden um eben die Vergangenheiten die nebeneinander existieren und die sich in Prozessen und Strukturen verschränken und mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten ablaufen ganz anders darzustellen.

Das Problem mit Zeitleisten ist meiner Meinung nach auch, dass eine historische Entwicklung als unvermeidlich dargestellt wird. Hieraus ergeben sich Problematiken z.B. bei brisanten Themen wie Antisemitismus oder aber der Ermordung Kennedys, wie es als Beispiel für die Zeitleiste von Simile gezeigt wird. Hier wird eine gewisse Unvermeidlichkeit entwickelt vom ersten Tag an dem Oswald eine Waffe kauft und dieses Ereignis mittelbar verknüpft wird mit der Ermordung Kennedys am Ende der Zeitleist.

Zudem suggerieren Zeitleisten eine Monokausalität von Ereignissen. Nicht ganz streng, aber die nebeneinander bestehenden Geschwindigkeiten von Entwicklungen und die Komplexität der Situation, die genau dieses Ereignis (aus der Rückschau) ermöglicht hat, werden in Zeit leisten betont vereinfacht. Verschwiegen wird gleichzeitig, dass in jeder Situation in der Vergangenheit einer Offenheit pluraler Möglichkeiten besteht.

Kulturelle und strukturelle Linien, die durch eine Ereignis beendet, verändert oder begonnen werden, als auch solche die das Ereignis erst ermöglichen kann die Zeitleiste kaum greifen, da sie sich auf einzelne Geschehnisse und Zeitpunkte konzentrieren muss, um eine Ereignislinie überhaupt erst aufbauen zu können. Wie dieses Problem umgangen werden kann, ist mir leider auch nicht klar. Es müsste aber eine der größeren Anstrengungen der Digital History sein, zu versuchen eine Visualisierung von Geschichte und zudem eine populäre Visualisierung von Geschichte herzustellen, die es schafft historische Geschehen in ihrer Komplexität darzustellen und gleichzeitig diese Komplexität runter zur brechen.

Als Analyse Tool für die wissenschaftliche Arbeit finde ich Zeitleisten und ähnliches nichts desto trotz sehr effektiv.  Insbesondere größere Datenmengen in einer chronologischen Fassung zu visualisieren ermöglicht neue Einblicke, wie zum Beispiel Timeplot von Simile.

Ich möchte auch noch auf einen Aufsatz hinweisen, der Textmining und Analyse am Beispiel von Monasterium.net beschreibt: Burkard, Benjamin, et. al., Informatics for Historians: Tools for Medieval Document XML Markup, and their Impact on the History-Sciences, in: J.UCS 14/2.

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Posted in: Digital history