Aus der Geschichte lernen?

Posted on April 21, 2008

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Tony Judt, dem ich ironischerweise zum erstenmal bewusst auf einem Vortrag von Henryk Broder (Ich schrieb an anderer Stelle hierüber) begegnet bin, hat sich die Frage nach den Lehren des 20. Jahrhundert gestellt. Broder stattete mich dann sogleich auch mit den nötigen Vorurteilen über diesen Autoren, die relativ schnell verflogen waren nach der Lektüre von Israel – The Alternative. An gleicher Stelle (NY Review of Books) veröffentlichte er nun sein kurzes Essay "What have We learned, if Anything?" und versucht hierin dem derzeitigen Geschichtsbewusstsein und der Geschichtsvergessenheit seiner Landsleute auf die Spur zu kommen.

Trotz seiner steten Kritik an der Dämonisierung des "Anderen" kann er nicht anders als durchgehend das Wir des adhortativen Erziehungspamphlet anzustimmen. Aus dieser Perspektive stammt dann auch sein Geschichtsverständnis zu stammen. Ganz im Sinne der Schillerschen Frage zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte, hängt er der These einer Historia magistra vitae nach, die uns aus der Geschichte lernen helfen soll und vergisst hier nebenbei 2 Jahrhunderte Geschichte der Geschichtswissenschaft.

Nun nicht ganz vergessen. Er sieht das derzeitige Geschichsbewusstsein darauf fixiert die Leiden und Opfer des 20. Jahrhunderts (im Verbund mit dem amerikanischen Heroismus) herauszustellen mit dem Impetus, dass nun alles besser werde. Er charakterisiert den Kult der Opfer ganz ähnlich einer Zivilreligion, wie es auch Yoav Sapir in seinem Blog schon getan hat.

"To be sure, we have memorialized it everywhere: shrines, inscriptions, "heritage sites", even historical theme parks are all public reminders of the "the Past" (What have we Learned, Judt 2008)

1. Kultstätten bzw. Heiligtümer: Museen, Gedenkstätten, Mahnmale etc., in denen man sich zum Holocaust bekennt bzw. sein Bekenntnis durch passive Teilnahme bestätigt (in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem brennt im Einklang mit Tempeltraditionen sogar eine ewige Flamme). (Der Holocaustkult, Sapir 2008)

Abgesehen von der Kritik, die insbesondere in den Kommentaren zum Holocaustkult Artikel, am Konzept der Zivilreligion aufgekommen ist, bleibt mir gleichfalls das Problem von offiziöser Kultur und den vielen Sub- und Nebenkulturen in den Gesellschaften unbedacht. Aus diesem Grund bleibt mir auch jedes Wir, mit dem Judt seine Mitbürger zur Umkehr und zum Nachdenken (abgesehen von jedem Die und Ihr, was im Wir mitgedacht wird) mit schalem Nachgeschmack in Erinnerung.

Trotzdem ist sein Artikel insbesondere bei seinen Erläuterungen zur Folter lesenswert, welche anscheinend den eigentlichen Anstoß zum Schreiben gegeben haben. Auch Publizisten, die hierzulande allzu öffentlich über die Legalisierung der Folter im Ausnahmefall (womit wir wieder bei Agamben sind) nachdenken, ist das Forschen in der Geschichte angeraten. Warum die peinliche Befragung eigentlich aus dem Repertoire des Rechtsstaates verschwunden ist, ist aber eine Erfahrung, die anscheinend auch immer wieder neu gelernt werden muss.

 

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Posted in: Geschichte