Al Nakhba?

Posted on März 22, 2008

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Ich hatte eigentlich niemals erwartet für Ilan Pappé in die Bresche springen zu müssen, insbesondere, da er seine Thesen und Ideen häufig auf allzu schwacher Quellenbasis publiziert, was für mich die einzige relevante Sünde ist (insofern relevant, dass ich mich damit beschäftigen will. Der JPost und Haaretz Gossip, der über die Nakhba und den „Unabhängigkeitskrieg“ ausgebreitet wird, ist nicht wirklich interessant).

Ilan Pappé gehörte mit Benny Morris in den frühen 80ern zu jenen Historikern in Israel, die nicht unbedingt wohlwollend den Titel „New Historians“ aufgedrückt bekamen und eine revisionistische Geschichtsschreibung einforderten. (Revisionismus ist hier in der Bedeutung eines neu Betrachten’s zu denken und nicht, wie es in Deutschland glaub ich einmalig ist, in holocaustleugnerische oder revanchistischer Manier) Die israelische Gesellschaft sollte insbesondere den „Unabhängigkeitskrieg“ neu überdenken und sich von liebgewonnen Mythen (wie zum Beispiel der „freiwilligen“ „Ausreise“ der palästinensischen Bevölkerung“, oder der militärischen Unterlegenheit des David-Goliath Schemas, welches heute noch zahlreiche Politiker umtreibt) verabschieden. Während Morris sich nach einigen Aufsehen erregenden historischen Studien, die durch die Öffnung der IDF Archive ermöglicht wurden, einer eher konservativen Position zuwandte (sehr deutlich nach dem zweiten Aufstand der Palästinenser), bestand Pappé auf revisionistischen Haltung und wandte sich der palästinensischen Perspektive des Kriegs von 1948 zu. Sein neuestes Werk ist hierbei „die Ethnische Säuberung Palästinas“. Lassen wir die berechtigten Zweifel und Probleme hinsichtlich dieser Darstellung, einmal aus dem Blick. Pappés Verdienst ist, dass er im Gegensatz zahlreicher, oder besser, der meisten israelischen Historiker die palästinensische Perspektive überhaupt registriert, und als historisch, als geschichtswürdig und -mächtig anerkennt. Sein Versuch, der bei seinem Schüler Teddy Katz 2000/2001 leider fulminant scheiterte, diese Opfer des Krieges, durch Oral History zu den Quellen der Historiker hinzuzufügen, ist zu begrüßen, insbesondere bei einer Minorität, die in den Ländern, in denen sie in ihren Lagern zum dahin vegetieren gezwungen werden, nicht als relevante schriftliche oder mündliche Stimme wahrgenommen werden.

Wie schwierig diese Perspektive zu ertragen ist, zeigt sich im Skandal, der sich um die Master Arbeit Teddy Katz‘ gewunden hat. Katz untersuchte mit tatkräftiger Unterstützung Pappés, ein „Massaker “ welches sich im Küstendorf  Tanturas 1948 zugetragen haben solle. Männer der Alexandronibrigade hätten die männliche Bevölkerung des Dorfes zusammen getrieben und wahllos niedergemetzelt (um hier auch die Wortwahl zu imitieren). Katz wurde nun verklagt und zur Zurückziehung seiner Thesen gezwungen. Hier liegt der Skandal, nicht in dem was er geschrieben hat. Die einzige Demokratie im Nahen Osten, sieht sich nicht fähig den wissenschaftlichen und politisch-gesellschaftlichen Diskurs die Bewertung und Kritik von solchen Stimmen übernehmen zu lassen, sondern zehrt sie vor Gericht. Katz Thesen hatten keine wirkliche Quellenbasis, und das bisschen was da war, hat er durch bewusste Übertreibung etc. so verfälscht, dass die Oral History und die Stimmen der palästensischen Perspektive auf lange Zeit nicht ernst genommen werden. Bravo große Leistung, das ist auch ein Skandal.

Warum schreib ich hier eigentlich Ilan Pappé, nun mein werter Kommilitone und Chronologs Mitblogger Yoav Sapir, hat über Pappé geschrieben und ihn ein bisschen durch den Dreck gezogen, was berechtigt war angesichts eines Texts in der Nationalzeitung.

Pappé ist nicht das Opfer, als das er sich gern darstellt oder der einzige Sehende unter den blinden Historiker der israelischen Zeitgeschichte. Pappés Thesen sollten aber keineswegs so leichtfertig vom Tisch gewischt werden, wie es nach einigen Skandalen mit einem Fingerschnippen geschieht. Die palästensische Bevölkerung hat bisher kaum eine tiefer  gehende Würdigung in der Historie erfahren. Die IDF und Hagannah Archive und Ben Gurion Tagebücher sind nur eine schlechte Quelle für die Nakhba  und eine spitzen Quelle für den „Unabhängkeitskrieg“. Viele Historiker scheinen zu vergessen, dass sie schon in der Auswahl der Quellen, insbesondere jener, die nicht beachtet werden sollen, ihrer Geschichtsschreibung eine Richtung geben. Eine nüchterne Betrachtung von 48 und 67 und 23 und 27 und …. bedarf aber am besten aller Perspektiven.

 

In Auswahl:

Ethnic Cleansing of Palestine von Ilan Pappe von Oneworld Publications

The Tantura Case in Israel: The Katz Research and Trial Ilan Pappe; Journal of Palestine Studies, Vol. 30, No. 3. (Spring, 2001), pp. 19-39.

The Tantura Massacre, 22-23 May 1948, Ilan Pappé; Journal of Palestine Studies, Vol. 30, No. 3. (Spring, 2001), pp. 5-18.

The Birth of the Palestinian Refugee Problem, 1947-1949 (Cambridge Middle East Library) von Benny Morris von Cambridge University Press (Taschenbuch – März 1989)

 

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