Toleranz im 13. Jahrhundert?

Posted on März 17, 2008

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Im Laufe der Recherche zu Johannes di Plano Carpinis Reise zu den Mongolen 1245-1246 bin ich auf eine interessante Passage in der Entwicklung des Völkerrechts und einer Idee von Toleranz gestoßen.

Zur Toleranz im Mittelalter gibt es ein Werk von Cary J. Nederman, der leider seinen innovativen und interessanten Einsatz ein bisschen verspielt, in dem er einem interkulturellen Utopia und der „vielgerühmten“ convivenica das Wort spricht. Er erinnert hier häufig und leider an Maria Menocal, die in ihrem eher literarischen als wissenschaftlichen Ansatz über das goldene Zeitalter in Al-Andalus, dem muslimischen Spanien vom 9. bis zum 11. Jahrhundert, geschrieben hat. Sein Konzept von Toleranz überzeugt aber in gewisser Hinsicht, da es von der eigentlichen Wortbedeutung herkommt. Wenn ich etwas nur ertrage oder erdulde, dann ist das eben nicht die Toleranz, der wir uns heute so verschreiben, sondern nur ein temporärer Zustand, um in einer gewissen Situation relativ erträglich leben zu können. Hier zeigt sich auch deutlich, dass Toleranz gegenüber Idolatristen sehr viel einfacher zu bewerkstelligen ist als gegenüber Häretikern. Der pagane Unglauben kann eben sehr einfach mit nicht vorhandenem Wissen oder einem zivilisatorischen Rückstand erklärt und somit „erduldet“ werden, auch wenn die Hoffnung auf Mission dieser Menschen vorhanden bleibt. Bei Sekten, die vom „wahren“ Glauben abfallen und für sich zusätzlich noch die richtige Lesart der heiligen Texte einfordern, und diese im Gegensatz zu den Heiden nicht an den Grenzen der civitas christiana sondern in ihrer Mitte sind, ist eine Toleranz um einiges schwerer aufzubringen. Nederman definiert die mittelalterliche Toleranz wie folgt:

Toleration is, therefore, not a good or an end in itself, but a course of action or inaction sanctioned, ultimately, by God himself inasmuch as He created and edowed humanity with certain capacities and frailties. Nederman 2000.

Das die abendländische Moderne sich mit diesem Begriff nur sehr schwer anfreunden kann ist nachvollziehbar und erklärt vielleicht die Arroganz (und hier nicht nur gegenüber dem Mittelalter an sich, sondern besonders auch gegenüber außereuropäischen Kulturen, die keine „Aufklärung“ durchgemacht haben) mit der felsenfest behauptet wird Toleranz sei nicht möglich, ohne das Ablegen eines intoleranten Zustandes, in dem sich die Gesellschaft und insbesondere die Kirche vor den Religionskriegen befand.

Ein anderes Ereignis im 13. Jahrhundert spricht ebenso für eine gewisse Auffassung von Toleranz. Papst Innozenz IV hat in seinem Gesandschaftschreiben  an den Herrscher der Mongolen, das er Johannes mitgab. In diesem Brief ebenso wie in Späteren legte Innozenz das Verhältnis zu paganen Herrschern dar. Vom Naturrecht ausgehend, und gerade hier liegt das Auffällige, da er erkennt und anerkennt, dass den Mongolen nicht vom Christentum her ein Zustand erklärt werden könne, beschreibt er, dass aufgrund des natürlichen Bandes, das alle Menschen verbindet, jener, der ein Stück Land und die Herrschaft darüber zuerst für sich beanspruche, eine legitime Herrschaft besäße. Diese Öffnung, die mit dem Sturm auf Liegnitz 1241 dem europäischen Christentum aufgezwungen wird, führt also zu einem diplomatischen Überdenken. Die Anerkennung der tartarischen Herrscher als legitim handelnde Herrschaft und der gleichzeitige Versuch der Mission und Bindung an das Papstum zeigen die besondere Vorstellung von Toleranz im Mittelalter.

Die Tatsache, dass Innozenz ernstlich de Status verschiedener Kulturen bedachte, die in dieser Welt in Beziehung zueinander traten, macht seinen Plan zu einem wichtigen ersten Schritt hin zu späteren Völkerrechtskonzepten. Schmieder 2006.

 

 

 

Nederman, Cary J. (2000): Worlds of difference European discourses of toleration, c. 1100 – c. 1550. University Park, Pa.: Pennsylvania State Univ. Press.

Schmieder, Felicitas (2006): Der mongolische Augenblick in der Weltgeschichte. Als Europa aus der Wiege wuchs. In: Schmieder, Felicitas (Hg.): Produktive Kulturkonflikte. Berlin: Akad.-Verl. (Das Mittelalter 10.2), S. 63–73.

 

 

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