Geschichte und Wirklichkeit

Posted on März 12, 2008

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ich lese immer noch in Johannes Frieds Werk der Schleier der Erinnerung und muss mein erstes euphorisches Urteil zwar nicht revidieren, aber zumindest einschränken.

Fried verharrt immer noch in seinem dichotomischen Weltbild von wirklicher Wirklichkeit einerseits und Legende und Fabel andererseits, welches die Grundlage seines Aufsatzes „Auf der Suche nach der Wirklichkeit“ (HZ 243, S. 287) von 1986 gebildet hat. Das dieses zu einfache Konstrukt der mittelalterlichen „Wissensrealität“ nicht gerecht wird haben nicht zuletzt Münkler (Erfahrung des Fremden, 2000) oder Klopprogge(Ursprung und Ausprägung, 1993) eindrücklich gezeigt.

Nun die meiste Zeit auf den ersten 150 Seiten hatte ich auch noch große Hoffnung, dass diese Kritik an der Wirklichkeitsfähigkeit der menschlichen Wahrnehmung und ihrer Erinnerung darauf hinausläuft, dass der Mensch nicht zu einer Wirklichkeit an sich, sondern allerhöchstens zu einer referentiellen Realität fähig ist.

Und während Fried auf den beginnenden Seiten noch voller Ironie (und nicht ganz ohne Spott) über das „wie es wirklich gewesen ist“ eines Rankes schreibt, endet er doch genau so an diesem anachronistischen Punkt positivistischer Geschichtsschreibung.

Sie [die Geschichtswissenschaft] muß erkennen, was einst wirklich geschah: daß der oder jener geboren, dies oder das zu der und der Zeit an dem oder jenen Ort getan, gedacht!!!!!!! Oder erlitten wurde, mit der und der Wirkung, daß jenes sich dann ereignete oder dort zutrug, und dergleichen mehr;

Als ob die letzten 40 Jahre Debatte in der Geschichte nicht vorhanden seien und nur die Fortschritte der Neurowissenschaften jetzt alles verändern würden.

Eben zum Thema „Geschichte schreiben in der Postmoderne“ ist ein kurzes Essay („Roman und Geschichte“)von E.L. Doctorov in der Lettre Internationale Nr. 80 S. 67 (übrigens tolle Zeitschrift, die ich nur anempfehlen kann, und im Studentenabo auch nicht sehr teuer) erschienen, das einen großen Bogen von den Erzählern der Bronzezeit:

die in der Bronzezeit erzählten Geschichten [Bibel, Ilyas, Gilgamesh] galten als wahr allein aufgrund des Umstandes, daß sie erzählt wurden. [ich denke das gilt zu großen Teilen noch heute]

bis zu Simon Schama, dessen radikaler Narrativismus in Deutschland glaub ich so verpönt ist, wie Weihwasser in der Hölle. Aber genug von den schlechten ausgelutschten Metaphern, lassen wir lieber jemand sprechen, der dead certainties gelesen hat:

To be sure, his conception of what he is doing comes from the highest scholarly rigour, but they are communicated as a public conversation.  Historians don’t have a monopoly on history.  For better or worse, we all make use of history in our day to day decisions.  And this is what he wants to address.  That is, history is profoundly moral, and political. (schama, schama, schama; theotherblog)

 

 

 

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