Beyond Hayden White

Posted on Februar 25, 2008

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Ich denke die meisten, die sich irgendwann einmal mit Hayden White beschäftigen (und nicht auf dem Urteil stehen bleiben, dass White keine Ahnung von der historischen Praxis habe, und deswegen nichts konstruktives sagen könnte), kommen irgendwann über den Punkt des reinen Skeptizismus hinaus und sehnen sich nach einer Möglichkeit postmoderne Historiographie zu betreiben ohne ausschließlich Gossip zu produzieren.

Whites Verdienst ist zweifellos, dass nur noch wenige danach streben zu beschreiben wie es eigentlich gewesen ist. Aber was für mich noch immer nicht ganz klar ist, ist eben „Geschichte schreiben in der Postmoderne“.

Gabrielle M. Spiegel hat mit ihrem Ansatz der sozialen Logik eine Historisierung des Sprachgebrauchs angedacht. Schlüssig erklärt sie den situativen Sprachgebrauch als aus seinem Kontext kommend und daher historisch verwertbar. Auch in Folge der Lektüre Frieds „Schleier der Erinnerung“ in der ich leider noch nicht so fortgeschritten bin, wie ich mir das wünsche, zeichnet sich ab, dass die Frage nach den eigentlichen Tatsachen und Ereignissen (und ihren Verbindungen untereinander) sehr viel problematischer ist, als wir bisher dachten. Während White darauf pocht, dass alles außer die reine Tatsache unserer Konstruktion entspringt, muss insbesondere die reine Tatsache, zumindest in einer Zeit auf chronikalen und Erinnerung basierender Quellen wie das Mittelalter hinterfragt werden. Viel wirkmächtiger und fruchtbarer stellen sich hier Fragen wie „Warum wird die Geschichte erzählt?“ oder „Was wird und was wird nicht und warum zu diesem Zeitpunkt erzählt?“ dar. So kommt man dann auch nicht mehr auf die Idee, dass es zahlreiche Juden im frühmittelalterlichen Köln gab, bloß weil in einer Bischofsvita jüdische Kölner den frisch verstorben heftigst betrauern (und sich im besten Fall am Grab bekehren). Das Problem des Topos kann viel leichter umgangen werden, wenn wir die Tatsachen in den Berichten von vornherein anzweifeln und uns stärker für die Wirkung der Geschichten interessieren.

Lorenz entwickelt in gewisser Hinsicht ein anderes Konzept als Spiegel. Zu erst einmal kritisiert er White und Ankersmit als in der Gedankenwelt des Objektivismus, den sie eigentlich überwinden wollten, verharrend und zeigt ihre obsolete Voraussetzung, dass eine Konsens erreichende und auf formale Gesetze reduzierbare Wahrheit möglich sei.

Wirklichkeit ist für uns also immer Wirklichkeit innerhalb des Rahmens einer bestimmten Beschreibung. Lorenz, Historisches Wissen und historische Wirklichkeit: Für einen „internen Realismus, http://dare.ubvu.vu.nl/bitstream/1871/10999/1/Historisches%20Wissen%20und%20historische%20Wirklichkeit.pdf

So fasst Lorenz die Problematik und gleichzeitig die Chance, die in diesem Zweifel an der Tatsache liegen zusammen. So müssen wir uns unseres Beschreibungsrahmen bewusst sein, müssen darauf achten (und sollten nicht nur im Kopf sondern auch in den Fußnoten) darüber nachdenken was unsere Beziehung zu jener „Realität“ die wir beschreiben weglässt, verändert und hinzufügt. Und gleichzeitig können wir neue Fragen an die Quellen stellen. Können darüber forschen wie sich der Beschreibungsrahmen der Wirklichkeit in den Geschichten des Mittelalters niederschlägt.

 

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