Henryk M. Broder in Heidelberg.

Posted on Januar 26, 2008

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„aus dem Antisemitismus hätte schon was werden können hätten sich ihm die Juden angenommen“ jüdischer Selbsthass von Marx bis heute.

Henryk Broders Vortrag (im Rahmen der Heidelberger Hochschulreden der Hochschule für jüdische Studien) wurde von „erbitterten“ Protesten gegen Kriegstreiberei und Islamophobie begleitet (in Form von etwas betagteren Herren die ihrem Zorn in einem überlang beschrieben Flugblatt Ausdruck verliehen). Broder aber begann den Abend mit zwei drei kleineren Scherzen, mit denen er sein keineswegs zu unterschätzendes humoristisches Talent bewieß, hiernach aber seine Zuhörer vernachlässigte und sich auf einen recht steifen Vortrag beschränkte.

Sein Thema stellt für Personen außerhalb der jüdischen Studien vielleicht eine gewisse Novität das, aber hält sich mit seinem Überraschungsfaktor in Grenzen. Was das anböte – Witz, Selbstironie und beißenden Sarkasmus wurde hier nicht ausgenutzt. Broders Agenda war die Bekämpfung des jüdischen Selbsthasses als seine (Broder) aktive Partizipation im Überlebenskampf Israels.

Nach einem zusammenfassendem kurzen Ritt durch die Entstehungsgeschichte des politischen Antisemitismus von Treitschke bis Marr und dem Stürmer kommt er schnell auf den jüdischen Zwilling dessen, in Form des Selbsthasses (der keineswegs eine exklusiv jüdische Sache wäre, aber unter ihnen besonders häufig auftrete) zu sprechen.

Dann kommen wir endlich zum Thema. Den Titel hat Broder sich höflich bei Alexander Roda Roda ( ein Satiriker der Weimarer Republik – in der auch Humoristen ein bisschen mehr Stil hatten). Der Jüdische Selbsthass ist eigentlich die koschere Variante des Antisemitismus und hierdurch besonders ätzend und gefährlich. Karl Kraus und Karl Marx bilden besonders eindrückliche Beispiele dieser „Bewegung“.

Marx hat seine ganze Idee und sein Streben nach der Emanzipation von seinem Jüdischsein in dem Satz

Wer den Kapitalismus bekämpfen will muss beim Juden anfangen

prägnant zusammengefasst. Er fordert also weniger die Emanzipation des Juden in der Gesellschaft, als die Emanzipation vom Juden (insbesondere von seinem eigenen).

Küchenpsychologisch liegt es auf der Hand.

Gut diese Konzepte sind natürlich veraltet, aber die alten Ressentiments haben sich ein neues ziel gesucht. Nicht mehr der Jude sondern das jüdische Kollektiv in Erez Israel stellen „die größte Bedrohung des Weltfriedens“ (die Ansicht von 2/3 der Deutschen) und sind der Sündenbock für alle Probleme der Weltpolitik. Natürlich gibt es auch die jüdische Perspektive auf diesen PerSe – Sündenfall (insbesondere 67 und 48), die sich in einem fortwährenden Sühneverhalten äußert.

Ein Beispiel ist der Historiker Tony Judt, der eine – sagen wir – antizionistische (und zum Teil paranoide – Weltverschwörung-) Idee von der Welt hat. Sein Groll gegen den jüdischen Staat Israel zeigt sich in seinem Artikel „Israel the alternative„.

Broder zeigte, dass auch er die von ihm geforderte Beachtung historischer Petitessen nicht immer einhält . Nicht nur sein lacrymoses Geschichtsbild zeigt dies. Er geht zwar auf das anachronistische der zionistischen Idee (wenn wir ihn im Rahmen der nationalistischen Bewegungen als etwas übersteigerte Liebe zum Volkskörper betrachten – hier zeigt sich deutlich der Charakter als Zwilling zum Selbsthass) ein, aber er benutzt es nur hinsichtlich einer Rechtfertigung, da dieser „Anachronismus“ insbesondere jungen Staaten wie dem Kosovo oder der EU in Abgrenzung zur Türkei zugestanden werden.

Das die Nationsidee dadurch nicht weniger anachronistisch ist, erkennt er nicht.

Ein Vortrag Patrick Gearys zum Missbrauch des Mittelalters in eben jenen jungen Staate: Medieval Matters: Modern european nationalism and the fight to control the past gehalten am 16. Novemver 2007 in Stanford.

Schade war, dass Broder sein Publikum die meiste Zeit damit langweilt Beispiele jüdischen Selbsthasses aufzuzählen und insbesondere (und ich denke, dass ist sein eigentliches Ziel) seinem Zorn auf diese Damen und Herren Luft zu verschaffen und sie zu stigmatisieren brandmarken benennen

Schlüssig kann Broder (obwohl es wohl nur deshalb schlüssig für mich ist, da er meine Meinung artikuliert) den breiten Zuspruch, den der jüdische Selbsthass in Deutschland erfährt erklären.

Das deutsche Publikum kann seine Schuldgefühle nur verarbeiten indem es die zionistische Politik als verbrecherisch bezeichnet.

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