Ritualmord? Ariel Toaff

Posted on Februar 14, 2007

2


Es gleicht fast der Verfolgung der Juden, die des Ritualmordes bezichtig wurden, was derzeit ein Professor für Geschichte der Bar Ilan Universität in Jerusalem aushalten muss. Der Sohn des früheren Oberrabbiners von Rom Elio Toaff veröffentlichte unlängst sein neuestes Buch „Bloody Passovers: The Jews of Europe and Ritual Murders“, das innerhalb eines Tages in Italien ausverkauft war.
Ritualmord – Eine frei erfundene Darstellung des angeblichen Ritualmords an Simon aus Trient, Schedelsche Weltchronik, Nürnberg 1493.

Ritualmord, Nürnberg 1593

Es war nur deshalb ausverkauft, weil eine italienische Zeitschrift ein Review vor dem Verkauf publizierte, in dem unterstellt wird, Toaff würde die antijudaistische Imagination des jüdischen Ritualmordes unterstützen und würde behaupten Beweise für Ritualmorde im Mittelalter zu haben. Noch bevor sie das Buch gelesen haben konnten, wurde eine rabbinische Gegendarstellung veröffentlicht und Toaff fühlt sich wie „exkommuniziert“. Dieser Alarmismus entspricht dem Verhalten Europas, wenn sich Wissenschaftler mit Tabuthemen beschäftigen. Ich will hier keinem „man wird ja wohl noch sagen dürfen“- Antisemitismus nach der Zunge reden, sondern einfach verlangen, dass sich Wissenschaftler mit jedem Thema beschäftigen dürfen und zu den Ergebnissen kommen können, die die Quellen ihnen liefern. Toaff kommt nämlich zu dem Ergebnis, dass in Folge der Verfolgung während der Kreuzzüge, die Juden im mittelalterlichen Europa eine zutiefst antichristliche Einstellung hatten. Die Vorstellung von der passiven jüdischen Minorität im Mittelalter, die nur Opfer ist und kein aktives Dasein führt, ist noch viel zu weit verbreitet. Passend ist das Zitat von Toaff: „Perhaps my book should have been aimed at an Israeli public where there is less risk of misunderstandings and of a misuse of my findings.“

Der Artikel in der Jerusalem Post.

16.02.2007 21:30

Diese Edition des Beitrags entstand als Reaktion auf den Kommentar von Herrn Heil. Ich muss meinen obigen Kommentar zur „Affäre“ Toaff nicht ganz revidieren, aber ich denke weitgehend anders darstellen. Die schnell dahingehackten Zeilen basieren auf einem Artikel der Jerusalem Post und ich hätte „wie man es im Proseminar lernt“ (Heil, Johannes: „Pasque di sangue“ – Ariel Toaff und die Legende vom Ritualmord – ein Kommentar“ link) unbedingt weitere Quellen hinzuziehen und mich weniger den energischen Gefühlen hingeben sollen.

Toaff hat nach der einhelligen Meinung der meisten Rezeptionen gravierende Fehler begangen (für eine kurze Übersicht empfehle ich den Podcast von DRadio Kultur heute ). Diese aufzuzeigen und zu kritisieren ist die Pflicht des wissenschaftlichen Diskurses. Eine Medienschelte wie sie in Italien praktiziert wurde kann meiner Meinung nach, aber nicht der Weg sein. Und ich bin versucht Toaff nicht unbedingt die Ruhmsucht zu unterstellen, die diese Aufmerksamkeit genießen würde. Eher möchte ich mich dem Denken (nicht unbedingt der Meinung, da ich das Buch nicht gelesen habe) Sergio Luzzatos anschließen (ein Artikel der Süddeutschen, der viele verschiedene Meinungen auflistet), der fordert, dass man sich mit dem Buch wissenschaftlich auseinandersetze.

Ich muss der Gefahr, dass solche Bücher nicht reflektierenden Zeitgenossen Argumente in die Hand geben, die diese kaum hinterfragen werden, zustimmen. Ich bin mir aber nicht zweifelsfrei sicher, inwiefern ich es ertrage, dass die Dummheit bestimmter Gruppen eine solche Macht hat. Denn „es ist ebenso leicht wie aussichtslos „(Heil, Johannes: „Pasque di sangue“ – Ariel Toaff und die Legende vom Ritualmord – ein Kommentar“ link) nicht nur diese antisemitische Legende zu widerlegen, aber die Wirkung und Entstehung solcher Legenden zu hinterfragen und zu erforschen kann keine schlechte Basis sein, auch wenn auf dem Weg zur Erkenntnis mancher strauchelt (siehe meinen ersten Kommentar 😉 ) und die falsche Richtung einschlägt.

Toaff hätte es wohl besser wissen sollen. Toaff reagierte unlängst mit einem Publikationsstopp und einer Bearbeitung seines Werkes, damit alle entstandenen Zweifel und obengenannte Gefahren ausgemerzt werden können. (Jerusalem Post, 14.02.07 Link)

 

 

Liebe Grüße aus Heidelberg

 

 

Advertisements