Januar 23, 2008...3:15

Hayden White – Die Suche nach der "Wahrheit" geht weiter

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Die Historiker machen sich auf, die häufig verschüttete, metaphysisch und moralisch belastete Vergangenheit „wieder“ vertraut zu machen. Aus den ihm und seinen Lesern fremden und unvertrauten Quellen versucht er ein Bild zu entwickeln, dass der gedanklichen und bildlichen und kontextuellen Struktur seiner Gegenwart entspricht. Verfälscht er die Geschichte bewusst, oder muss eben nur das, was er vorfindet übersetzen? In seine Sprache. Und damit unterzieht er es seiner kulturellen Linse.

In diesem Prozess und schon früher noch im Moment der Fragestellung mit der er die Quellen untersucht konstituiert er die Bahn auf der sich die Teilchen bewegen (um Heisenberg ganz dilettantisch zu missbrauchen). Er schafft die Chronologie auch wenn sie sich ihm empfundenermaßen so darbietet.

Aber was ist schlimm daran? Es ist nur redlich und legitim, wenn Historiker ihre Quellen in ein literarisches Produkt verwandeln, dass gegenwärtige Leser verstehen können. Problematisch ist nur, wenn sie denken dieser Prozess würde außerhalb des Produkts, welches am Ende der Arbeit steht geschehen und die Geschichte würde so beschrieben, wie sie war. Na ja wenn das heute auch noch zu weilen einige Historiker, mit aller nötigen Verbissenheit, behaupten, dann sind sie doch eine recht kleine Gruppe.

Viel schwieriger sind die Herausforderungen an die alltägliche Arbeit der Historiker, die uns Studenten weniger erzählen sollten, wie es wohl gewesen ist, sondern viel mehr auf die erkenntnistheoretischen Probleme hinweisen sollten, die jede Wissenschaft hat. (ein leider nur sinngemäßes) Zitat von einem Dozenten, Herr Berger-Waldenegg:

Wieso reflektieren die Geschichtswissenschaftler kaum über ihre Arbeit, aber behaupten die ganze Zeit ebenso „wissenschaftlich“ zu sein wie die Naturwissenschaften, die zum Beispiel in der Physik die meiste Zeit darüber nachdenken, ob das so wissenschaftlich gedacht war, wie es ihnen scheint.

Ich bin noch nicht wirklich durch mit White, es ist schwer seiner fundamentalen Kritik Produktives zu entziehen wobei ich fest daran glaube, dass es da was gibt. Insbesondere der Satz:

Überdies haben die größten Geschichtsschreiber sich immer mit solchen Ereignissen in der Geschichte ihrer Kultur befasst, die traumatischen Charakter besaßen und deren Sinn entweder problematisch oder in ihrer noch vorhandenen Bedeutung für das aktuelle Leben überdeterminiert worden sind, Ereignisse wie Revolutionen, Bürgerkriege, langfristige Prozesse wie Industrialisierung und Verstädterung oder Institutionen, die ihre ursprüngliche Funktion in einer Gesellschaft verloren haben, aber weiterhin eine wichtige Rolle im aktuellen gesellschaftlichen Zusammenhang spielen. Indem Historiker untersuchen, auf welche Weise solche Strukturen sich herausgebildet und entwickelt haben, machen Historiker sie wieder vertraut, nicht nur dadurch, dass sie mehr Informationen über sie liefern, sondern auch dadurch, dass sie zeigen, wie ihre jeweilige Entwicklung dem einen oder anderen der Geschichtstypen entspricht, die wir konventionellerweise bemühen, um unseren eigenen Lebensgeschichten Sinn zu verleihen. Hayden White, Der historische Text als literarisches Kunstwerk, in: Geschichte schreiben in der Postmoderne, S. 135.

Ein sehr langes Zitat, aber ich denke in diesen zwei Sätzen wird die ganze mögliche Dimension, der postmodernen Kritik klar. Wenn wir uns unserer literarischen Konzeption und Ideen bewusst sind, können wir sie zwar immer noch nicht vermeiden, aber wichtiger, wir können sie bewusst reflektieren in den Geschichtsdarstellungen. Und die Identitätsfrage, die immer wieder an Historiker gestellt wird, und die White hier beleuchtet, kann mit einer klareren und selbstbewussteren Herangehensweise beantwortet werden.

2 Kommentare

  • Ob mit White tatsächlich die ganze mögliche Dimension, der postmodernen Kritik klar wird, wage ich zu bezweifeln. Was man dagegen definitiv aus seinen Versuchen, Geschichte zu“literarisieren“, ziehen kann, ist eine verstärkte Aufmerksamkeit für die Falltüren wissenschaftlicher Objektivitätsansprüche. Geschichte ist eben „Erzählung“ und damit bestimmten kulturellen Strukturen und Perspektiven unterworfen. Es ist der Irrglaube an die Faktizität, den White mit seinen Arbeiten aufdeckt. Die Folge daraus – diese Strukturen einer eingehenden Reflexion auszusetzen – ist nur ein Aspekt, ein Ansatzpunkt, postmoderner Kritik. Sicherlich muss sie sich ihres eigenen Horizonts bewusst sein. Weiter aber noch geht es darum, durch Geschichte nur noch den Versuch zu unternehmen, der Vielschichtigkeit der Welt gerecht zu werden. Es gibt, und das ist ein weiterer wichtiger Punkt, viele Geschichten, die die Welt historisieren, sprich: erzählen.

    _ W

  • Bin bei einer Internetrecherche zum Thema Linguistic Turn auf die Seite gestoßen. Zunächst mal einen Glückwunsch zu diesem Blog!

    Zum „Problem“ White hätte ich noch anzumerken, dass er klar aufzeigt, dass der Objektivitätsanspruch Rankes (zu zeigen wie es eigentlich ist) nicht aufrecht gehalten werden kann.

    Allerdings gibt es Methoden mit denen man sich diesem Ideal zumindest nähern kann. Gadamers hermeneutischer Zirkel wäre da ein Anstoß, mit dem man White begegnen kann.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Hermeneutik#Gadamer

    Das ist natürlich auch nicht kritiklos zu glauben, aber ich denke, dass der Ansatz zumindest begründete Zweifel an einem post-modernistischen Relativismus zulässt.


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